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Warum beschäftigt mich dieses Thema gerade so sehr? Vor einigen Tagen musste ich mich wegen gesundheitlicher Beschwerden erneut in einer Hausarztpraxis vorstellen.
Dort wurde mir wieder deutlich bewusst, wie wenig Frauen mit ihren Symptomen ernst genommen werden.
Bis dahin konnte ich nicht ausschließen, ob meine Beschwerden vom Herzen, von der Lunge oder doch von einer Entzündung in Knochen oder Muskulatur stammten.
Die Untersuchung war sehr kurz, ohne Abhören oder EKG, und ergab lediglich durch Druckschmerz eine mögliche Entzündung.
Dieser Arztbesuch beruhigte mich jedoch weder kurzfristig noch nachhaltig. Bei meinen Recherchen stieß ich dann auf das zentrale Thema des „Gender Data Gap“.

Was ist der Gender Data Gap?

Damit die Informationsflut nicht überschwemmt, aber das Wesentliche gesagt wird.

Vereinfacht: In vielen Bereichen werden Daten über Männer viel genauer und häufiger gesammelt als über Frauen. Diese Lücke führt dazu, dass Entscheidungen, Produkte und Politiken oft nur männliche Realitäten berücksichtigen – mit Folgen für Sicherheit, Gesundheit und Chancengleichheit.

Mal ein Beispiel aus dem Alltag:

Crashtests
Autos werden meist mit männlichen Dummies getestet. Frauenmodelle? Oft nur verkleinerte Kopien, nicht anatomisch passend (Größe, Becken, Gewicht).

Folge: Airbags/Gurte schützen schlechter – Frauen haben 17–73 % höheres Verletzungsrisiko bei Frontalcrashs.

Lösungen laufen: Schweden: „Eva“ – Dummy ( Herbst 2022). Schwangere Modelle kommen. Aber: EU zu teuer, zu aufwendig. Ungleichgewicht bleibt weiterhin bestehen.

Zum Gender Data Gap ließen sich noch so viele unzählige Beispiele aufzählen:

  • Data Pay Gap: Lohnlücke zwischen Männern und Frauen
  • Produktentwicklung (z.B. Werkzeuge und Maschinen sind für Frauen oft unhandlich und schwer)
  • Technik (z.B. Gesichtserkennung meist auf männliche Gesichtsformen ausgelegt, bei Frauen häufigere Fehlerquote, Spracheingabeassistenten (Siri, Alexa & Co.) verstehen Frauenstimmen schlechter)

Deshalb fokussiere ich mich in diesem Artikel auf das Kernthema Gesundheit und Medizin – genau das, was mich zu diesem Text motiviert hat.

Medikamente/Dosierungen:

Viele Arzneien und Dosierungen von Schmerzmitteln werden hauptsächlich in erster Linie an Männern ausgetestet. Dabei brauchen Frauen oft weniger (veränderter Stoffwechsel), spüren aber Nebenwirkungen dafür deutlicher. Überdosierungsrisiko höher.

Schmerzempfindung: Frauen spüren Schmerzen tendenziell intensiver, aber zeigen oft eine höhere Toleranz und äußern sie daher anders und erst viel später. Studien ignorieren dies meist – Schmerzmittel wirken bei Frauen anders, sind daher oft ungenau dosiert. Dies liegt u.a. an einer höheren Nervendichte, hormonellen Schwankungen (Östrogen) und der geringeren Produktion von schmerzhemmenden Endorphinen im weiblichen Gehirn.

Aus meiner Zeit in der medizinischen Forschung habe ich es selbst erlebt: Studien zogen Probanden anhand männlicher Durchschnittswerte heran – Frauen blieben unsichtbar.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Natürlich bei Studien wie z. B. bei Brustkrebs (Mamma-Ca), gynäkologischen Erkrankungen oder Schwangerschaft müssen diese Eingruppierungen statistisch frauenspezifisch sein.
Hier sind Frauen logischerweise die Hauptprobandengruppe. Das ändert nichts am Kernproblem: 90% der Studien (Herz, Schlaganfall, Diabetes, etc.) betreffen beide Geschlechter, basieren aber auf männlichen Daten.
Selbst bei gemischten Studien fehlt oft die geschlechtsspezifische Auswertung.

Ein weiteres ganz einfaches Beispiel aus einer üblichen Hausarzpraxis.
Blutdruckmessung: Manschetten wurden für männliche Oberarme konzipiert. Bei schlanken Frauen können daher ungenaue Werte entstehen.

Extrem gefährlich: Herzinfarkte bei Frauen

Weibliche Herzen sind kleiner (durchschnittlich 250 Gramm statt 350 Gramm beim Mann), schlagen schneller (70 Schläge/Minute vs. 60 bei Männern), haben dünnere Herzwände.

Erkrankungen zeigen sich anders:

Männliche Symptome (typisch): – Heftiger Brustdruck → linker Arm – Kaltschweiß, Atemnot

Weibliche Symptome (oft übersehen): – Rückenschmerzen, Schulter-/Kieferdruck – Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, „Grippegefühl“

Doppelproblem:

  1. Falsche Diagnose: Ärzte (Medizinstudenten lernen männliche Normen) erwarten männliche Symptome → Frauen werden im schlechtesten Fall nach Hause geschickt.
  2. Medikamente: Betablocker, Blutdrucksenker für Männer kalibriert → Frauen: zu niedriger Puls, Schwindel und Ohnmacht.

Gerade manche Herzmedikamente führen bei Frauen zu stärkeren Nebenwirkungen und müssen daher in ihrer Dosierung auf diese angepasst werden.

Solche Missachtungen können sonst lebensgefährliche Folgen für die Frau haben.

Herzinfarkte sind nur ein Beispiel. Viele Beschwerden von Frauen werden zunächst auf Hormonhaushalt oder Psyche geschoben. Aber warum ist das so?

Warum bleibt das weibliche Geschlecht in der Medizin – und oft auch darüber hinaus – so unsichtbar?

Früher galt in der medizinischen Forschung jahrzehntelang der männliche Körper als Norm, während Frauen als „Abweichung“ betrachtet wurden, mit vielen hormonellen Schwankungen, um einheitliche und „verlässliche“ Studienergebnisse zu liefern.
Viele Diagnose- und Behandlungsleitlinien orientieren sich noch heute an diese „männlichen Daten“. Daher können typische Symptome bei Frauen auch weiterhin übersehen oder falsch gedeutet werden.
Vorurteile gegenüber der Frauen, sie seien empfindsamer und emotionaler können weiterhin unbewusst das ärztliche Urteil beeinflussen. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf, in dem Frauen mit ihren Beschwerden weniger ernst genommen werden, was gravierende Folgen für ihre Gesundheit haben kann.

Der Gender Data Gap zeigt sich in zahlreichen medizinischen Bereichen und macht deutlich, warum geschlechtsspezifische Daten lebenswichtig sind.

Zwar gibt es inzwischen Ansätze, um diese Ungleichheit zu verringern – doch reichen sie wirklich aus?

Ganz klar, nein! Trotz erster Fortschritte bleibt die Datengrundlage zu lückenhaft, um von echter Gleichbehandlung zu sprechen.

Der Wunsch ist eindeutig: eine 50:50-Probanden-Pflicht, eine geschlechtsspezifische Datenauswertung und Sanktionen bei Nichteinhaltung.

Jetzt liegt es an uns – wir müssen eine Datenpflicht einfordern und für eine faire Medizin kämpfen. Lieber heute als morgen.

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